Übergänge

Oder was die Lebensphase mit dem Ausdruck im Bild zu tun hat

Heute war ich im Atelier und habe alte Bilder recycelt, in dem ich die schon vorhandene Gestaltung rigoros mit hellen Farbtönen und weichen Übergängen übermalt habe. Die vorherige Bemalung blitzt nun stellenweise noch hervor und bringt sofort Tiefe in das neue Bild. Meistens weiß ich noch nicht genau, wie es weitergeht, der Akt des Übermalens und Loslassens ist erst einmal die erste Stufe, um frei zu werden für Neues. Und ich empfinde es wirklich als befreiend, das alte Bild ziehen zu lassen und einige Spuren davon die Grundlage für das neue Bild bilden zu lassen.

Als ich so malte, dachte ich über Übergänge nach, sowohl die malerischen, als auch die im Leben. Es ist ja immer alles miteinander verwoben, so sehe ich es zumindest.

Veränderte Sichtweisen im Laufe des Lebens

Vor kurzem bin ich 60 geworden, kein Datum, vor dem ich Angst hatte, aber dennoch merke ich, dass sich einiges verändert, wenn man älter wird. Seit längerem spüre ich, dass ich mich auch persönlich in einer Phase des Übergangs befinde. Mein bisheriges Leben und Arbeiten ist noch da und gut so, wie es ist, aber häufiger denke ich daran, die Weichen zu stellen für das, was künftig kommt. Im Lebenszyklus hat jede Lebensphase ihre speziellen Themen. Je älter ich werde, desto mehr hinterfrage ich den Sinn meines Tuns. Und die früheren Übergänge, Brüche und rigorosen Entscheidungen haben Spuren hinterlassen und mich zu der Frau gemacht, die ich bin. Es ist ähnlich wie bei meinen alten Bildern.

Diese Gedanken sind zum Teil auch von außen angestoßen, in der Welt sehe ich gerade aktuell viele Übergänge von der vorherigen Zeit in eine neue, im negativen wie im positiven. Bei meinen Neugestaltungen der Bilder kann ich es gut aushalten, nicht genau zu wissen, was kommt und wie sich das Bild entwickelt, im wirklichen Leben sieht das oft anders aus.

Lisa Appignanesi schreibt in Ihrem Buch „Die andere Frau“:
„Ich kenne diese Spannung. Sie hat etwas mit Übergängen zu tun.
Übergänge zwischen einer Art von Zeit in eine andere ….
Es sind schmale Passagen, die nur schwierig zu durchqueren sind“

Gespannte Atmosphäre und Unsicherheiten

Übergänge sind auch schwierig für mich. Vor den Übergängen spüre ich häufig Stagnation, die sich manchmal sogar wie Rückschritte anfühlen. Der Übergang kann nicht beschleunigt werden. Er löst sich von alleine auf. Die Zeit vor dem Übergang ist besonders schwer auszuhalten. Immer wieder zweifle ich und frage mich, ob es nicht doch ein Endpunkt ist. Aber je mehr Übergänge ich erlebe, desto sicherer erkenne ich sie. Das hilft mir gelassener zu bleiben: Ich nehme nur wahr „da kommt wieder ein Übergang“. Ich weiß, dass die Dinge dann wieder in Bewegung kommen und sie an Fahrt aufnehmen. Kennst du auch das Gefühl, ein bisschen in der Luft zu hängen?

Ich merke, dass eine Veränderung kommt, aber die Zeit ist noch nicht ganz reif ist. Das erlebe ich auch beim Malen immer wieder. So werde ich die Bilder von heute erst einmal eine Weile ruhen lassen und „aushalten“, dass sie noch nicht fertig sind. Bei näherer Betrachtung weiß ich dann manchmal ganz plötzlich, wie es weiter geht. Meist bleibt es dann nicht bei den sanften Farbschichten und ganz feinen Strukturen, mit denen ich begonnen habe. Ein paar stärkere Spuren bringen Spannung hinein. Etwas Kontrast, eine Linienspur, eine malerische Geste. Entscheidungen, die ich treffen muss. Aber nicht jetzt sofort. Diese Entscheidungen können noch warten.

Manchmal werden die Entscheidungen auch von außen abgenommen. Die Farbe reagiert anders als erwartet, du hast experimentell gearbeitet und das Ergebnis ist anders als gedacht? Es gibt vieles, worauf du keinen Einfluss hast. Was bleibt da anderes übrig, als abzuwarten, was kommt? Immer einen Schritt nach dem anderen setzen.

Wie sieht es bei dir aus? Erlebst du im Augenblick weiche Übergänge oder viele Brüche und Kanten? Alles findet seinen Ausdruck. Und wenn wir uns auch manchmal malerisch im Gegenteil bewegen, um einen Ausgleich zu haben.

Manche mögen lieber einen kompletten Neubeginn mit einer weiß übermalten Leinwand, mit möglichst wenig alten Anteilen. Auch das kann eine neue Entwicklung und einen Schritt nach vorne bringen.

Nach einer Phase mit wilden, gestischen und dynamischen Bildern habe ich jetzt den Wunsch, luftig leichte und stillere Bilder zu malen. Bilder, die zurückhaltender sind und viel Raum lassen. Bilder mit malerischem Übergang und zarteren Farbe und Spuren. Mal sehen, wie lange diese (Lebens)Phase anhält und die heute angefangenen Arbeiten so still bleiben dürfen.

Viel Freude bei allen Experimenten,

lass Farbe fließen,

Angelika

2 Kommentare

  1. Dagmar Kangro
    19. Oktober 2022

    Vielen Dank, dass Du deine Gedanken teilst. Ein philosophischer und wunderschöner Beitrag. Bei mir brechen gerade Kanten und Ecken aus dem gewohnten Leben. Mir ist nun nach Weite, Stille und weichen Übergänge. Ein Neuanfang in gewisser Weise. Liebe Grüße Dagmar

    Antworten
    1. Angelika Biber
      20. Oktober 2022

      Liebe Dagmar, herzlichen Dank für deine Nachricht. Ja, ich kann dich gut verstehen, ich hatte auch schon solche Zeiten, wo das Leben ruckelt. Deinem Bedürfnis nach Weite und Stille nachzugehen, ist sicher ein guter Weg. Ich hoffe sehr, dass dir die Kunst hilft, Raum und Stille für dich zu finden. Alles Gute und liebe Grüße, Angelika

      Antworten

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