Gedanken zum malerischen Bildaufbau

Balance und Spannung – Wie erreiche ich beides im Bild?

Am Samstag hatte ich einen Kurs im Atelier, und zwar den Grundlagenkurs „Komposition, Spiel mit Farbe, Form und Kontrast“. Es war wieder ein toller Kurstag mit vielen Impulsen für die Teilnehmerinnen und unerwarteten Ergebnissen, die auch mich sehr glücklich machen.

Eins der Hauptthemen dieses Seminars ist, neben der Farbgebung, die Anordnung der Elemente im Format, also die Balance im Bild. Denn wir möchten spannende Bilder gestalten, aber sie sollen bitte schön dennoch ausgewogen harmonisch und nicht zu laut sein. Und vor allen Dingen schön 😉

Klingt nach der eierelegenden Wollmilchsau, oder nach etwas, was sich widerspricht, nicht wahr?

Grundsätzlich ist es so, dass wir Spannung durch Kontraste erzielen. Je größer die Kontraste, desto spannender das Bild, könnte man annehmen. Wenn aber zum Beispiel die Anordnung der Formen sich ganz stark an einem Bildrand gruppiert, kippt die Gestaltung in eine Richtung und wirkt unter Umständen unausgewogen. Da kommt die Balance ins Spiel. Der Bildaufbau sollte also nicht genau symmetrisch sein (weil spannungsarm und langweilig), sondern asymmetrisch, aber auch nicht so, dass der Schwerpunkt total auf eine Seite kippt.

 

Diese Zeichnung würde ich als spannungsreich, aber gut ausbalanciert einordnen.

Ähnlich ist es mit Richtungskontrasten im Bild. Verschiedene Richtungen im Bildaufbau, besonders, wenn sie in die Diagonale führen, springen Spannung. Wenn die Formen aber alle unverbunden auseinander driften, wirkt die Komposition vielleicht zu unsortiert und zu unruhig. Wie ihr seht, ist ein „zu wenig“ genauso problematisch wie ein „zu viel“.

Alle Elemente der Komposition (Farbe, Anordnung, Größen, Richtungen, Formkontraste, Auftragsart, Oberfläche, Bildformat) ergeben miteinander die Wirkung des Bildes. Da die Möglichkeiten so vielfältig kombinierbar sind, ist die Aufgabe, die Balance zu finden, sehr komplex und auch ein bisschen kompliziert.

Da helfen die Kompositionsregeln schon ein bisschen weiter. Ich habe euch schwarz/weiße Beispiele in Tusche eingefügt, damit ihr unabhängig von der Farbgebung die Kontraste beurteilen könnt.

 

Hier habe ich intuitiv die Zeichnung etwa im Goldenen Schnitt angelegt. Der kleine Störer ganz oben am Bildrand steigert die Spannung, gleicht aber auch die Positionierung im unteren Drittel des Formats aus.

Goldener Schnitt, Drittelmethode

Vom Aufbau her machst du nichts verkehrt, wenn du den Goldenen Schnitt bemühst. Der Goldene Schnitt ist ein Teilungsverhältnis einer Strecke (gerundet 3:5). Diese soll harmonisch ausgewogen sein, aber nicht symmetrisch. Die Fotografen bedienen sich der vereinfachten Drittelmethode. Auch damit erhältst du spannende Bildaufteilungen.

Manchmal jedoch ist es auch sinnvoll, die Flächen extremer aufzuteilen, damit die Gestaltung noch spannender wirkt. Probiere es aus, was im Bild passiert, wenn du z. B. den Horizont nicht nach dem Goldenen Schnitt einteilst, sondern dem Himmel viel mehr Raum gibt und somit den Fokus dorthin lenkst.

 

 

Die Linien sind hier meist senkrecht platziert, aber nicht ganz gerade. Das weicht die statische Wirkung der Senkrechten etwas auf. Auch die diagonalen Flecken im oberen Bildteil lockern die Gliederung auf.

Ordnungskriterien

Die Ordnungskriterien bestimmen die Beziehung der einzelnen Bildelemente zueinander und haben jede für sich unterschiedliche Wirkungen. So wirken zum Beispiel viele gerade Senkrechten im Bild statisch und spannungsarm, sehr viele Diagonalen aber zu unruhig. Auch hier kommt es auf das Maß an und darauf, die richtige Menge an „Andersartigkeit“ zu finden, um damit die Balance zu stärken.

 

Die Formen sehen aus, als würden die durch die Luft wirbeln. Etwas gehalten werden sie durch die feinen Linien im Untergrund, die die fliegenden Formen etwas festhalten. Durch die vielen Diagonalen wirkt die Zeichnung dynamisch.

Richtungskontraste

Zu viele Richtungskontraste können also zu unruhig wirken, aber diese Richtungen können durch farbliche Zusammenhänge wieder zusammengefügt werden. Auch durch Platzierung der Elemente auf gedachten Linien schaffst du wieder Ordnung.

 

 

Hier siehst du ein Beispiel mit sehr vielen Strukturen, sehr vielen Richtungen und starken Formkontrasten. Obwohl alle Formen zusammenhängen, wirkt die Zeichnung etwas unruhig.

Form- und Farbkontraste: Zu viel oder zu wenig?

Ein weiteres Problem können zu viele Kontraste sein. Auch hier ist es wichtig, die richtige Balance zu finden: Zu viele Farben und Strukturen machen ein Bild unausgeglichen und unruhig, zu wenige Farbtöne und flächig gemalte Felder gänzlich ohne Struktur lassen die Komposition eventuell zu starr und plakativ erscheinen.

 

Wie finde ich also die richtige Balance?

Für jeden ist die richtige Balance im Bild unter Umständen anders, der eine mag es farbintensiv, der andere eher zurückhaltend in der Farbgebung. Beim einen darf es dynamischer, gestischer, mit viel Pinselduktus sein, der andere mag es eher geometrisch geordnet und der Nächste weich, ruhig und mit viel Übergang. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch.

Deswegen empfehle ich einen undogmatischen Umgang mit den Kompositionsregeln. Stelle dir eher die Frage: Welche Wirkung soll mein Bild haben? Was sollen Betracher:innen empfinden, wenn sie das Bild anschauen? Welche Stimmung möchte ich transportieren? Wie fühle ich mich, wenn das Bild im Raum hängt? Wie geht es mir beim Malen des Bildes?

Hier sind die schweren, dunklen Elemente oben platziert und erhöhen dadurch die Spannung. Ganz oben im Beitrag siehst du das Bild 90 Grad gedreht. Wie anders die Bildwirkung ist, oder?

Und warum nicht mal raus aus der Komfortzone, in dem du mal etwas für dich Unübliches versuchst, um zu sehen, wie sich die Bildaussage so in eine andere Richtung entwickelt. Also weg vom Goldenen Schnitt, weg von nur harmonischen Farbkombinationen hin zu individuellen neuen Lösungen. Warum nicht mal die schwere Form von oben drücken lassen, weil es dann die Dramatik erhöht und der Betrachter irritiert ist durch die unübliche Anordnung? Warum den Horizont nicht ganz hoch ins Bildformat setzen, damit du mehr Platz hast, mit der Tiefe zu spielen? Mach dir bewusst, dass alle Entscheidungen, die du triffst, eine Aussage im Bild haben, ob du es nun mit Klarheit entschieden hast, oder es zufällig passiert ist. Und was für dich die richtige Balance zwischen Spannung und Ausgewogenheit hat, entscheidest du allein.

Ich hoffe, ich konnte dir wieder neue Impulse geben, zu probieren und den Blick zu schärfen für das Wesentliche: Die eigenen Vorstellungen stimmig in Szene zu setzen.

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen,

Angelika

 

Ps. Solltest du noch mehr über die Balance der Komposition wissen wollen, so kann ich dir meine E-Book „Komposition – Spiel mit Farbe, Form und Kontrast“ empfehlen oder auch das E-Book „Farbe, Farbe, Farbe“ in denen es um Spannung und Kontraste, aber auch um die Harmonie im Bild geht.

2 Kommentare

  1. Eva Merz
    24. Januar 2023

    Hallo Angelika,
    ich habe schon einige Erfahrung bzgl. Farbe und Bildaufbau, hätte aber gern zu einer gelungenen und spannenden Komposition eines Bildes ein paar Tipps und Anregungen. Würdest du mir eher das E-book oder das Workbook dazu empfehlen?
    Liebe Grüße
    Eva

    Antworten
    1. Angelika Biber
      24. Januar 2023

      Hallo liebe Eva, auf jeden Fall das E-Book “Komposition”, das ist ein Grundlagenwerk. Das Workbook baut auf das E-Book auf und ist eher zur Vertiefung und zur Erprobung gedacht.

      Liebe Grüße, Angelika

      Antworten

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