Steter Tropfen höhlt den Stein oder der Silberstreif am Horizont

Entspannung und Inspiration am Meer

Ich liebe Steine. Sehr gerne schaue ich sie mir an. Sie sind zeitlos, einzigartig, widerstandsfähig und robust. Der Anblick von Natur-Steinen ist für mich irgendwie wohltuend und inspirierend. Bei unseren langen Strandspaziergängen an der Ostsee über Weihnachten dieses Jahr habe ich so manches hübsche Exemplar gefunden. Und wie das so ist bei langen Strandspaziergängen, sie machen den Kopf frei und die Gedanken fließen mal hierhin, mal dorthin. Besonders gut geht das beim Steine sammeln.

Kennst du die Hühnergötter?

An der Ostsee gibt es die sogenannten Hühnergötter, vielleicht kennst du sie ja bereits. Das sind Feuersteine, aus deren Hohlräumen sich Einschlüsse wie Kristalle oder Kreide zum Beispiel durch die Brandung auswaschen. So entstehen kleine, durchgehende Löcher in den Steinen. Diese Steine bringen Glück und sollen Unheil abwenden, ich glaube ganz fest daran. Deswegen habe ich auch sicherheitshalber mindestens ein Dutzend „Hühnergötter“ gesammelt, es kann ja aktuell nicht schaden…

Wie lange es wohl braucht, bis sich in diesen Stein ein Loch gespült hat? Wie viele Sommer, wie viele Winter gingen ins Land? Wie viele Wellen waren nötig, bis ich durch dieses Loch den Himmel sehen konnte?

Diese Steine haben Ausdauer, soviel steht fest!

Steter Tropfen höhlt den Stein!

Ich werde das nächste Mal an das Loch im Hühnergott denken, wenn ich mal wieder allzu ungeduldig bin. Beim Malen, beim Nähen, beim Zeichnen. Manches braucht eben seine Zeit. Ich kann versuchen, die Dinge langsam zu entwickeln. Es wieder und wieder tun und die Veränderung beobachten. Ich kann mich einem künstlerischen Thema von allen Seiten annähern, verschiedene Facetten kennenlernen, mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten spielen. Zugegeben, langsam fällt mir schwer. Ich bin ja eher von der flotten Truppe. Aber es wäre ja mal eine Idee, es anders anzugehen. Vielleicht bringt mir „langsam“ mehr Tiefgang? Es wäre ein Versuch wert.

Der Gedanke fühlt sich entspannt, sogar genüsslich an. Wie ein Strandspaziergang. Ohne Druck sofort das Ergebnis zu erreichen. Quasi ein gleichmäßiges Wellenrauschen, das dennoch Löcher in Steine bringt.

Zeit nehmen für Entwicklung

Auch in den Atelier-Kursen erlebe ich diese Ungeduld oft. Kennst du das auch? Du möchtest das Bild in 2, 4 oder 7 Stunden fertig haben? Es soll auf jeden Fall jedes Mal etwas Tolles dabei herauskommen! Etwas Vorzeigbares, ein richtiges Bild, bestenfalls fürs Wohnzimmer? Und etwas, was den Kursbeitrag oder zumindest die Kosten des Materials rechtfertigen?

Vielleicht übersiehst du dabei ebenso wie ich manchmal, dass auch die Fehlversuche uns weiterbringen, obwohl sie kein ansehnliches Ergebnis hervorbringen. Vielleicht sollten wir alle in längeren Zeiträumen denken. Was sind schon 2, 4 oder 7 Stunden gemessen an dem Loch im Hühnergott? Und wenn du dir dann noch die Menge der Steine an der Ostsee ansiehst, dann ist der einzelne Stein auch schon nicht mehr so präsent. Wenn ich mit etwas Abstand schaue, kann ich ihn schon gar nicht mehr genau ausmachen, er verschwindet in der Menge seiner Stein-Kollegen.

Ist das einzelne Ergebnis, das einzelne Bild sooo wichtig? Oder ist es vielmehr die Summe deines Tuns, die deine Kreativität ausmacht? Puh, das nimmt ganz schön den Druck heraus, jedes Mal ein Top Ergebnis präsentieren zu müssen, nicht wahr?

Zur Erinnerung: Nicht jeder Stein hat ein Loch, es gibt auch ganz normale Steine. Wie wäre es, wenn nicht jedes Bild ein Hühnergott sein müsste, sondern einfach das sein könnte, was es ist? Ein Bild. Nicht mehr und nicht weniger. Von dir geschaffen im Augenblick und ein Abbild der Zeit, in der du dich befindest – Ein Bild spiegelt auch immer ein bisschen, was im Moment ist. Und das ist gut so. Es ist authentisch. Egal was sich darauf zeigt.

Vielleicht denkst du das nächste Mal an diesen Text, wenn Ungeduld aufkommt und du die Ergebnisse erzwingen möchtest. Ich selbst werde es auch versuchen 😉

Die Wellen kommen und gehen. Immer wieder.

Irgendwie finde ich es beruhigend, dass diese Steine nächstes Jahr auch an der Ostsee liegen werden und die Wellen darüber spülen. Gleichgültig, was kommt.

Ganz zum Schluss bringe ich dir noch einen Silberstreif am Horizont aus dem Urlaub mit 🙂

Auch den können wir gut gebrauchen, besonders für das Neue Jahr.

Ich wünsche dir, dass es viele Lichtblicke im Jahr 2022 für dich gibt. Du die Muße für stetig wiederkehrende künstlerische Rituale hast. Neue Erkenntnisse findest und Erfolgserlebnisse. Tolle Bilder malst. Höhen und Tiefen überwindest (auch das gehört zu einem kreativen Leben) Aber etwas wichtiges nicht aus den Augen verlierst: Die schöpferische Kraft, die dich ausmacht, immer wieder auszuleben!

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen,

Angelika

 

 

4 Kommentare

  1. Bruni Schernus
    31. Dezember 2021

    Liebe Angelika,
    vielen lieben Dank für diesen wunderbaren Gruß zum Abschluss des alten Jahres und zum Beginn des neuen. Mit deinen Worten hast du mal wieder voll ins Schwarze getroffen. Denn genau dieses – alles etwas langsamer angehen zu lassen und geduldiger zu werden – habe auch ich mir fest vorgenommen.
    Wie toll, dass du deine Gedanken, unterlegt mit der spannenden Geschichte über die Steine und den tollen Fotos vom Ostseestrand, mit uns geteilt hast! Danke dafür!
    Ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr und für 2022 alles liebe und gute! Drücken wir die Daumen, dass es ein besseres Jahr wird und wir alle wieder etwas mehr Freiheiten genießen können.
    Herzliche Grüsse und eine dicke Umarmung
    Bruni

    Antworten
    1. Angelika Biber
      31. Dezember 2021

      Liebe Bruni, danke schön für deine liebe Rückmeldung, sehr sehr gerne! Als ich dort am Strand war, hatte ich das Gefühl, es ist alles nicht so wichtig, womit ich mir manchmal so einen Stress mache. In der Natur werde ich immer demütig 🙂 Und der Wind bläst das Hirn frei 😉
      Für dich und deine Familie auch nur das Beste, ich drück dich
      liebe Grüße, Angelika

      Antworten
  2. Andrea von Tottleben
    2. Januar 2022

    Hallo liebe Angelika, immer wieder schön,deinen Block zu lesen so manches Mal dachte ich ,ja mir geht es ähnlich. Auch diesmal, die Balance zwischen Aktivität und Ruhephase und auch ein möglichst schnelles Ergebnis vor zu weisen,kenne ich sehr gut. Mit dem anschaulichen Beispiel der Steine,Hühnergötter, ist dir ein sehr guter Vergleich gelungen.Vorraussichtlich haben wir vor im Sommer an die Ostsee zu fahren,dann werde ich nach Hühnergöttern ausschau halten.
    Sei lieb gegrüßt und gedrückt
    Andrea

    Antworten
    1. Angelika Biber
      2. Januar 2022

      Liebe Andrea, ja, ich denke es mir, dass viele von uns Kreativen ähnliche Themen kennen. Es liegt vielleicht in der Natur der Sache. Aber dennoch ist es gut, sich solche Mechanismen immer wieder vor Augen zu führen.Ich drücke dir die Daumen, dass ihr eure Pläne dieses Jahr umsetzen könnt und du dir beim Hühnergötter sammeln den Wind um die Nase wehen lassen kannst. Ganz liebe Grüße, Angelika

      Antworten

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