Reduktion – Die Suche nach dem Wesentlichen

Malerisches reduzieren – Wie kommst du zur Konzentration im Bild?

Lange habe ich nun überlegt, über welches Thema ich den nächsten Blogartikel schreiben möchte. Normalerweise fliegen mir die Ideen zu und ich habe eher zu viele, als zu wenige Ideen. Genauso sieht‘s dann auch manchmal in meinem Kopf aus. Aktuell versuche ich jedoch, etwas mehr gedankliche (und auch körperliche) Ruhe in mein Leben zu bringen, um die Dinge bewusster und selbstbestimmter zu tun. Man wird eben nicht jünger 😉

Da kam mir der Gedanke: Warum nicht wieder einfach über das schreiben, was mich gerade beschäftigt? Bekomme ich doch häufig von euch die Rückmeldung, dass meine Themen ins Schwarze treffen und genau zum richtigen Zeitpunkt kommen.

Mein Thema im Augenblick ist also „Reduktion“. Ja, genau. Das schreibt jetzt die, deren Bilder quasi überquellen vor Formen, Farben und Strukturen. Die dynamisch und nicht unbedingt reduziert daherkommen. Und eben gerade für mich als Mensch, der gerne aus der Fülle schöpft, ist das ein wirklich schwieriges Thema. Bei mir gibt es schnell „zu viel“. Zu viele Möglichkeiten, Ideen, Optionen, Angebote, Materialien, Kenntnisse. Was mache ich zuerst, womit fange ich an, worauf konzentriere ich mich?

Mich hat aber auch schon immer sehr fasziniert, wenn Künstler oder Künstlerinnen mit einem schwungvollen Strich, einer reduzierten Linie das Wesentliche festhalten können. Spontan, frei, aber dennoch unverwechselbar, ausdrucksstark und stimmig. Es ist die Form der Einfachheit, die mich anzieht. In diesem Pinselstrich, in dieser Linie ist alles, was das Besondere am abgebildeten Objekt ausmacht. Die Essenz, die Extraktion sozusagen.

Da stellt sich mir die Frage: Könnte ich auch mit noch weniger? Oder umgekehrt mit „mehr“ von anderen Dingen, also mehr Ruhe und mehr Klarheit, mehr Reduktion?

„Große Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts weglassen kann.“ (Aus China)

Dieses Zitat ist mir kürzlich begegnet und die Aussage trifft es für mich genau. Die asiatische Tuschemalerei zeugt von dieser Reduktion oder auch einige großartige Arbeiten von Picasso.

 

Eine Möglichkeit ist die farbliche Reduktion. Hier ein ungewöhnlich "unbuntes" Bild aus meiner Hand.

 

Wie jetzt also rein maltechnisch vorgehen, wenn du reduzieren möchtest? Wie kommst du auf das Wesentliche? Nachfolgend ein paar Fragen und Tipps aus der Praxis:

• Ich prüfe, was das Bild unbedingt benötigt, indem ich mit der Hand einzelnen Elemente zuhalte. So wird schnell klar, was ich reduzieren kann und wie ich dabei gleichzeitig die Bildaussage stärke. Besonders blickführende Elemente im Randbereich sind häufig überflüssig und lenken den Blick vom eigentlichen Fokus ab. Manchmal brauchst du diese Stellen aber auch als Ausgleich, damit die Komposition nicht starr wirkt. Sind alle Details, alle Strukturen notwendig? Oder wirkt das Bild stärker, wenn ich mich von der ein oder anderen schönen Stelle verabschiede?

• Was ist die Kernaussage meines Bildes? Wie ist das Thema (auch abstrakte Bilder können Themen transportieren) Kann ich diese durch Reduktion stärken? Was benötige ich unbedingt, damit es deutlich wird?

• Weniger ist oft mehr. Doch was ist wirklich wichtig? Über die Qual der Entscheidungsfindung habe ich schon öfter geschrieben. Lies doch noch mal den Blogartikel darüber. https://www.angelikabiber.de/2017/09/09/warum-es-manchmal-nicht-einfach-ist-beim-malen-entscheidungen-zu-treffen/ Aber ein Bild aufzuräumen, ohne Rücksicht auf Verluste das Chaos bändigen, kann ungeheuer befreiend sein. Wenig detailreiche Gestaltungen wirken zudem häufig expressiver.

• Mach dir bewusst, dass das Weniger auf der einen Seite auch ein Mehr auf der anderen Seite ermöglicht. Elemente loszulassen muss also keinen Verlust bedeuten, sondern es führt dich hin zu mehr Freiheit, Fokus, Entschlossenheit und Ausdruck. Es ist also auf jeden Fall ein Gewinn, oder? Wenn du zauderst, mach dir dies immer wieder klar und lenke den Blick auf das Wesentliche. Es kann nichts passieren.

• Kennst du das: Im Bild kannst du dich von nichts trennen, weil soooo viele schöne Stellen darin sind? Wenn du ruhige Flächen im Bild hast, bist du versucht auch diese irgendwie zu füllen? Ruhige Flächen braucht dein Bild ebenso wie Linien, Formen und Strukturen. Auf die stimmige Mischung kommt es an.

• Die Formen im Bild sind zu klein und du weißt gar nicht, wohin du schauen sollst? Dann vergrößere einige Flächen, um mehr Klarheit hinein zu bringen. Beim nächsten Mal kannst du ein größeres Malwerkzeug für dieses Format benutzen. Dann werden die Flächen im Bildraum automatisch größer.

• Reduktion heißt nicht, dass die Bilder langweilig wirken. Reduktion bedeutet eher die Konzentration der Komposition. Wichtig dabei ist, dass der Bildaufbau nicht zu starr und zu konstruiert wirkt, wenn du bewusst reduzierst. Geh mit Leichtigkeit und nicht verkopft beim Aufräumen des Bildes ans Werk.

Die Wahl eines Ausschnittes ist eine weitere Möglichkeit der Reduktion.

 

Meine Versuche zu reduzieren ziehen sich durch viele Lebensbereiche. Es gelingt mir noch nicht wirklich gut. Veränderungen brauchen eben Zeit. Reduktion hat auch etwas mit Balance zu tun, und die Suche nach der Balance hatte ich schon immer im Blick. Auch in meinen Bildern. (Vielleicht schreibe ich über die Balance auch mal einen Blogartikel?)

Einer meiner Vorsätze für dieses Jahr ist unter anderem: Ich benutze einfach mal die Dinge und Materialien, die ich schon besitze. Setze mich intensiver damit auseinander und überarbeite, versuche darin neue Aspekte zu finden. Und obwohl ich im Januar schon ein paar Rückfällen erlegen bin und eben wieder eine neue Materiallieferung angekommen ist, versuche ich es weiter, denn ich bin auf einem guten Weg, mich von unnötigem Ballast zu befreien und Klarheit zu schaffen.

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen,

Angelika

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Scroll to top